Nachdem ja meine größten Befürchtungen darin bestanden, nicht ohne Probleme aus Venezuela ausreisen zu können, machte ich mir, nachdem ich die unfreundlichen Einreiseprozeduren der USA über mich ergehen hatte lassen (wär ja alles nicht so tragisch dort, wenn die zuständigen Beamten freundlich wären und nicht so eine Hektik verbreiten würden), keine weitere Gedanken über die Einreise in Kanada. Schließlich hatte ich das Bild freundlicher Kanadier vor Augen. Doch ich sollte eines Besseren belehrt werden.
Schon bei der Passkontrolle wurde ich fast einem Verhör unterzogen: "Wie Venezuela? und was haben sie dort gemacht? und was wollen sie nun hier? Wie heißt ihre Freundin hier? Was studiert sie, was studieren Sie?" etc. Unbesorgt wollte ich dann nach erhaltenem Einreisestempel mein Gepäck abholen - Pustekuchen! Von ner dicken, hässlichen, unfreundlichen Zollbeamtin wurde ich stattdessen abgefangen und maßlos provoziert, nachdem ich ihr erzählen musste, dass ich über Mexiko und Venezuela in Kanada einreisen wollte. Leicht ungehalten über diese Verzögerung, da ich total übermüdet war, schien ich ihr wohl ein geeignetes Opfer zu sein. Nachdem ich ihre provokative Fragestellung: "'Wir haben jetzt ein Problem, oder!? Los, wir haben ein Problem, geben Sie's doch zu" jedes Mal mit einem genervteren Nein beantwortet hatte, schien sie wohl den Verdacht zu haben, ich könnte irgendwie Drogen oder sonstige verbotene Güter nach Kanada schmuggeln und ließ mich in einem extra Raum komplett auseinander nehmen, sowohl mein Gepäck wie auch sonst alles aus meinem Leben (inklusive der Frage wie ich mir denn mein Flugticket leisten könnte). Fand ich total unverschämt und habe innerlich total gekocht.
Hah, aber letztendlich haben sie natürlich nichts Verdächtiges feststellen können - das, woraus sie mir evt. noch einen Strick hätten drehen können, wie z.B. Alkohol oder einen aus Holz geschnitzten Schlüsselanhänger haben sie zum Glück nicht gefunden. Auch so musste Mandy über ne Stunde auf mich warten. Mich hat das Ganze so mitgenommen (ich und Drogenschmuggel und dabei wollte ich doch wirklich nur 2 Freundinnen besuchen, die zufälligerweise halt in diesen Ländern studieren), dass ich davon sogar Alpträume hatte.
Aber in der gemütlichen Londoner Atmosphäre war das alles dann schnell vergessen oder weggefroren. Es war nämlich eisekalt!!!Zwar nicht unbedingt die auf dem Thermometer ablesbaren Temperaturen aber die durch den Wind gefühlten.
Das Uniniveau in Kanada erreicht das Deutsche jedoch auch nicht. War Mexiko also doch nicht so schlecht. Aber immerhin hatten die Veranstaltungen schon mehr Vorlesungs- und weniger Schulklassencharakter.
Der Abschlusstrip nach Toronto bestand für mich hauptsächlich darin, das nächste warme Cafe auszumachen, sodass auf Bildern von mir auch kaum mehr zu sehen ist, als meine Augen - der Rest war schön vermummt.
Nun weiß ich immerhin, wie es sich anfühlt, Kälte bis auf die Knochen zu spüren.
Zurück nach Deutschland ging dann alles problemlos vonstatten und mein Flug war dank starkem Rückenwind auch fast 2 Stunden schneller als geplant in Frankfurt.
So ging mein Auslandssemester dann zu Ende.
Erfahrungsreich und definitiv lohnenswert.
Ach ja, und falls ihr euch nicht mit den kanadischen Behörden anlegen wollt: Lieber immer den direkten Weg von Deutschland aus wählen!
Dies waren ungefähr die einzigen Dinge, die ich über Venezuela wusste. Virginia lebt in Maracaibo, dort gibt es viel Erdöl und außerdem sitzt dort in Venezuela dieser verrückte Machthaber, der wohl in fast allen Industrieländern scharf kritisiert wird.
So landete ich also völlig unbedarft in Maracaibo, der neben Caracas reichsten und modernsten Industriestadt Venezuelas, die ihren Reichtum den zahlreichen Ölquellen rund um den Lago de Maracaibo zu verdanken hat und so nun das Zentrum der westlichen Ölindustrie in Venezuela ist. Wem diese Beschreibung bekannt vorkommt, auch ich fühlte mich sehr an das Verhältnis Monterrey - Mexiko City erinnert. Auch in dem Sicherheitsaspekt war Maracaibo mit Monterrey zu vergleichen, natürlich nur relativ gesehen. Im Vergleich zu Caracas war Maracaibo sicher, wenn man sich an die Regeln gehalten hat und keine Risiken eingegangen ist. Keine Wertgegenstände im Auto lassen, nur mit verschlossenem Auto herumfahren, nur auf bewachten Parkplätzen parken, bestimmte Gegenden meiden und allsowas. Unsicher habe ich mich jedoch wirklich nie gefühlt und ich hatte weniger Angst um meine Handtasche als in Mexiko! Was man jedoch nicht verschweigen darf, ist, dass die Drogenmafia in Maracaibo ziemlich aktiv ist. Einige Freunde von Virginia haben beschlossen dieses Jahr in Maracaibo keine Clubs mehr zu besuchen, da um die Weihnachtszeit herum (also knapp eine Woche bevor ich in Maracaibo war) mehrere Clans ihre Streitigkeiten in den Clubs mit tödlichem Ausgang für einige Clanmitglieder ausgetragen haben. Aufgrund solcher Vorfälle ist es wohl normal, dass vor jeder Bar und vor jedem Club erstmal alles Waffen kontrolliert wird. Die Jungs werden abgetastet und die Handtaschen der Mädels auseinandergenommen. Wir waren jedoch in besagten Clubs ohne Probleme unterwegs..
Nachdem ich nun die Lebensverhältnisse in Venezuela kenne, ist mir klar, warum Mexiko eher als Schwellen- denn Entwicklungsland bezeichnet wird. Venezuela ist wirklich arm! Wer sich über die Schlaglöcher auf den mexikanischen Straßen beschwert hat, der möge nie nach Venezuela gehen. Aber ist ja auch kein Wunder, denn außer dem Erdöl besitzt Venezuela keine nennenswerte Industrie oder Güterherstellung.
Auffällig im Straßenbild neben den vielen Hochhäusern (Grund und Boden ist in Maracaibo ziemlich teuer, sodass eigentlich jeder, der es sich leisten kann, in einem Hochhaus wohnt, was auch unter Sicherheitsaspekten vorteilhaft ist) sind, im Vergleich zu Mexiko, die schwarzen Menschen bzw. die Schattierungen der hautfarben, die wirklich alle vorhanden sind. So gibts es hier im anderen Extrem auch naturblonde Menschen mit farbigen Augen. Der starke europäische Einfluss (Einwanderer) ist nicht zu verleugnen. Die Venezolanerinnen sind aber auch ein bisschen wie die Mexikanerinnen, was das rausputzen angeht. Virginia hat schon gespottet, dass die einzigen Hobbies der Venezolanerinnen aus „zum Friseur gehen“ und „zum Nagelstudio“ gehen besteht. Hab das dort dann auch mal mitgemacht, ich meine, wann, wenn nicht dort. Und ist echt total toll da für anderthalb Stunden mal alle Viere von sich strecken und andere an sich rumpuzzeln lassen zu können. ![]()
Da ich total im Familienleben integriert war, wage ich zu behaupten in den 11 Tagen in Venezuela einen tieferen Einblick in das Leben zu bekommen haben als in meinen 4 Monaten in Mexiko. Alle Geschwister von Virginia leben noch zuhause (auch mit 24 und 27 Jahren und schon zur arbeitenden Bevölkerung gehörend). Ausgezogen wird erst, wenn geheiratet wird und da Wohnungen ja teuer sind, ist es sehr wahrscheinlich, dass man dann mit Ehemann/-frau wieder in die Wohnung der Eltern des jeweiligen Partners einzieht. Fand ich etwas gewöhnungsbedürftig diese Vorstellung, aber ist dort durchaus üblich!
Und diese Wohnungen sind nun nicht gerade groß, muss man vielleicht noch dazu sagen. Klar ist deswegen auch, dass der Familienzusammenhalt ziemlich gut ist. So waren wir zum Beispiel alle zusammen auf einem Baseballspiel der "aguilas" von Maracaibo gegen die "tigres" von Caracas. Die "aguilas" haben leider verloren. War aber trotzdem hochspannend. Hätte ja nicht gedacht, dass ich mal Baseball-Regeln verstehen würde, nachdem mir in sämtlichen Restaurants die Regeln am Schluss von den Kellnern erklärt wurden, da sich Vi und Alan darüber gestritten haben, wer denn nun am besten erklären kann.
Und dann konnte ich noch feststellen, dass die Mischung Alkohol und Sport nicht nur in Deutschland zu Schlägereien im Stadion führt. Wir saßen auf den nummerierten Plätzen, also mit den besten, und dennoch brach irgendwann gegen Ende des Spiels gerade einmal 3 Reihen hinter uns eine Schlägerei aus, weil eine Bierflasche umgefallen war. Das ist dann ganz schnell ausgeartet, sodass ne Massenpanik entstand und alle versucht haben, möglichst schnell von den gefährlichen Plätzen wegzukommen. Letztendlich musste das Militär eingreifen, das Spiel wurde angehalten und dann konnten wir nach ner Viertelstunde endlich wieder zu unseren Plätzen. Die Ruhe hielt aber nur 10 Minuten, dann ging die nächste Schlägerei los - und das obwohl das Militär die sich wehrenden Störenfriede am Kragen schon nach draußen gezerrt hatte. Wir hatten genug und sind dann gegangen. Und da die "aguilas" ja wie gesagt eh verloren haben, wars nicht so schlimm. Außerdem sassen wir ja schon seit 3 Stunden im Stadion zu dem Zeitpunkt. Bleibt nur festzustellen, dass das venezolanische System des Bierverkaufs solche Vorfälle wohl eher fördert. Das Bier wird nämlich im Stadion ausgeschenkt und auf ein Winken hin zu dir an deinen Platz gebracht. Klar, dass die konsumierten Alkoholmengen so höher sind, als wenn man jedes Mal aufstehen und sich anstellen müsste.
Aber zurück zum Familienzusammenhalt. Ich war auch auf den zahlreichen Geburtstagsfeiern der unzähligen Cousins und Nichten mit dabei, zu denen die gesamte Verwandschaft, die in Maracaibo wohnt, eingeladen wird. Und dort wurde mir dann bestätigt, dass ich mein Abschlussexamen in Spanisch hiermit bestanden hätte
- die maracuchos, wie sich die maraquenos selber nennen, reden nämlich unglaublich schnell und undeutlich. Endungen werden da grundsätzlich immer verschluckt, was das Verstehen nicht leichter macht. Virginias Bruder jedoch hab ich auch am Ende noch nicht verstanden. War mir ein Rätsel wie die anderen das hinbekommen haben.
Und dazu kommt noch, dass die Venezolaner natürlich für sehr viele Gegenstände wieder eigene Wörter haben. Mit meinem „mexikanisch“ bin ich also teilweise auf totales Unverständnis gestoßen, sodass ich also auch noch „venezolanisch“ in meinen Wortschatz aufnehmen musste. Was für ne Mischung! ![]()
Maracaibo ist keine touristische Attraktion, da es nicht sehr viel Sehenswertes gibt. Natürlich gibt es eine Kirche, in der das Abbild einer Virgen zu sehen ist (scheinbar hat hier nahezu jedes Land seine eigene), der Virgen de Chinita, deren Fest immer im November gefeiert wird. Es existieren auch noch einige kleine Reste im Zentrum vom ursprünglichen Maracaibo, das mit kleinen, bunten Häuschen wohl wirklich mal hübsch war. Deswegen habe ich hauptsächlich Schwimmbäder gesehen. Bei den Temperaturen auch wirklich der angenehmste Ort für einen längeren Aufenthalt im Freien.
In Maracaibo gibt es jedoch so gut wie keine öffentlich Schwimmbäder, deswegen ist jeder, der es sich leisten kann, Mitglied in einem Club, der alle möglichen Sportaktivitäten auf seinem gesicherten Gelände bietet. Und die können echt richtig hübsch angelegt sein, teilweise sogar direkt am See oder im Golfclub, in dem man leider nicht baden kann, da er total kontaminiert mit Schadstoffen ist.
Da die ganze Familie von Virginia Mitglied im Golfclub ist, hab ich natürlich auch mal den Schläger in die Hand gedrückt bekommen. Wenn das Nichtbewegen-Können vor lauter Muskelkater nach dem Spielen wegfallen würde, wär das sogar ein ganz netter "Sport". Meiner Meinung nach verdient es die Bezeichnung Sport nicht, da der beste Teil des ganzen ja eh ist, von Ball zu Ball bzw. Loch zu Loch mit dem flotten Wägelchen zu fahren.
Das war mein Lieblingspart!!!
Ansonsten war ich jeden Tag woanders essen, um möglichst viele Spezialitäten kennenzulernen. Und das venezolanische Essen ist echt gut, schmeckt mir sogar besser als das mexikanische. Es ist überhaupt nicht scharf, aber dafür nehmen Gewürze nen ganz wichtigen Teil des Gerichtes ein. Das Fleisch ist also immer sehr lecker angemacht - am besten hat mir carne mechada geschmeckt: in Stücke gezupftes, gewürztes Rindfleisch - dazu gibts dann Reis oder Yucca (schmeckt ähnlich wie Kartoffel), caraotas negras (schwarze Bohnen) und natürlich plátano (Kochbanane). Das ganze nennt sich dann pabellón criollo und ist das venezolanische Nationalgericht. Und hier müssten wohl sämtliche Wörterbücher umgeschrieben werden wie mir Virginia erklärt hat. Plátano ist nämlich nur die Kochbanane, die mit der normalen Banane nicht das Geringste zu tun hat. Leider habe ich die korrekte venezolanische Bezeichnung für Banane vergessen. Fand ich aber zugegebenermaßen auch nicht so wichtig, da ich es eh nie essen werde.
Aber plátano, ein Gedicht, vor allem wenn sie mit Käse und nata (einer Art Sahne) überbacken wird. Dann gibt es noch Arepas, eine Art runde Maisteigfladen, die mit allem möglichen gefüllt werden und natürlich immer mit Käse, den es in einer Vielfalt gibt, die mich echt erstaunt hat. Und auch "parilla", eine Grillplatte mit Steaks und Rippenstückchen, und dazu tequenos - so eine Art Kroketten mit Käse gefüllt - schmeckt seeeehr lecker. Venezuela hätte ich nie für ein Käseproduzentenland gehalten. Und Chips sind hier nicht nur schnöde Kartoffelchips, sondern aus Yucca oder plátano. Und natürlich gibts an Süßigkeiten gaaaanz viel mit Kokos.
Ihr merkt schon, bin vom venezolanischen Essen total begeistert.
Habe aber auch lange Gespräche mit Virginia über die politische Situation geführt. Es erstaunt mich immer wieder, wie Menschen trotz so einer Lage noch einen normalen Alltag führen können, als ob sie das alles nichts angeht. Aber die beste Taktik ist in Venezuela wohl auch, Fernsehen und Radio konsequent auszulassen. Virginia meinte, dass sie sich merklich besser fühlt, wenn sie nichts von den neuesten Schandtaten Chavez’ mitbekommt. Als ich dort war, ist zunächst der israelische Botschafter aus dem Land geflogen, da Israel ja von den USA unterstützt wird und dann kommt ja im Februar das Referendum, in welchem über die Zulässigkeit der Verlängerung der Amtszeit sämtlicher Beamter wie Bürgermeister, Gouverneure etc. auf Lebenszeit abgestimmt werden soll. Nun ja, die Abstimmung ist nur eine Farce, da ja wundersamer Weise meistens das Ergebnis rauskommt, welches Chavez gern hätte. Das einzige Mal, wo der Wahlbetrug rauskam und dann abgeändert wurde. war, als die Bekanntgabe des Ergebnisses erst weit nach Mitternacht stattfand (bis Mitternacht muss das Ergebnis in Venezuela bekannt gegeben worden sein), sodass die Manipulation offensichtlich war, das Volk sich beschwert hat und so das Originalergebnis des Referendums bekannt gegeben wurde. Kann mich nur leider nicht mehr daran erinnern, um was es in diesem Referendum ging. Muss aber irgendwann letztes Jahr gewesen sein. Jedenfalls nimmt die Normalbevölkerung die Bestätigung der Amtszeitverlängerung für gegeben hin und versucht irgendwie damit zu leben. Der Großteil der Menschen, zumindest diejenigen die auch nur ein bisschen Zugang zu Bildung haben, und mittlerweile auch langsam schon die ganz Armen (deren Wahlversprechen von Chavez immer noch nicht erfüllt wurden) stehen nicht hinter Chavez. Eine Chance ihn aus dem Amt zu bekommen, ist jedoch nur vorhanden, wenn sich das Militär gegen ihn stellt. Also in nächster Zukunft nicht absehbar.
Wahrscheinlich wird der Staat vorher aufgrund Überschuldung und Bankrott zugrundegehen. Die Politik Chavez’ mit festen Wechselkursen (unter vielen anderen Ursachen) trägt sicherlich mit dazu bei, was übrigens auch dazu führt, dass Venezuela für mich teurer war als Deutschland (da ich ja nicht wie die meisten Venezolaner mit den inoffiziellen Schwarzmarktwechselkursen rechnen konnte), wie auch die horrende Inflation, der nicht mehr Herr zu werden ist. Mal ganz zu schweigen von der Unzufriedenheit der Menschen, die bevor sie ins Ausland reisen dürfen, 3 verschiedene Hürden zu bewältigen haben. Sie brauchen
a) für die meisten Länder ein Visum
b) dürfen ihr Jahresguthaben an Fremddevisen in Höhe von 2500 US-$ noch nicht ausgegeben haben
c) eine Kreditkarte vom Staat genehmigt bekommen.
Für die meisten Familien sind also gemeinsame Reise ins Ausland nicht möglich und auch für einzelne Personen stellt vor allem das Limit an Devisen die Haupthürde dar.
Was mir besonders im Kopf geblieben ist im Zusammenhang mit Chavez’ Verhältnis zur Bevölkerung und umgekehrt, ist eine Geschichte, die mir Virginia erzählt hat. Als sie im Kindergarten als Englischlehrerin gearbeitet hat, gab es zur Weihnachtszeit Ausmalbilder mit dem Weihnachtsmann als Motiv. Die Kinder haben ihn mit jeder Farbe ausgemalt, nur nicht mit rot. Auf Virginias Kommentar hin, dass der Weihnachtsmann doch eigentlich rot sei, meinten die 3-4jährigen Kinder nur: „Aber rot ist doch die Farbe von Chavez!“
Aber auch was die Gesellschaft angeht, bin ich froh, in Deutschland geboren worden zu sein. Mit der Selbstbestimmung und Emanzipation der Frau ist es in Venezuela nämlich noch nicht so weit her. Was für ein Unterschied zu Mexiko, wo zumindest in den Städten ein Abkommen vom traditionellen Rollenbild langsam zur Regel wird. Allein das Zusammenspiel zwischen Virginia und ihrem Freund fand ich sehr aufschlussreich und auch ich habe mich von ihm oft bevormundet gefühlt. Virginia hat mir auch gestanden, dass sie nicht weiß, was in Venezuela als Frau schlimmer ist: Single zu sein oder einen Freund zu haben. Sie hat es natürlich in der Hinsicht schwerer als andere, da sie in Neuseeland gesehen hat, dass eine Beziehung auch anders ablaufen kann. Als Singlefrau ist es jedenfalls unmöglich sich mit unbekannten Männern zu unterhalten, ohne gleich einen schlechten Ruf in der gesamten Stadt zu bekommen und so sämtliche potentielle Freunde gleich abzuschrecken. Wie man so allerdings jemanden kennenlernen soll, ist mir ein Rätsel! Und wenn man vergeben ist, hat man dann mit einem eifersüchtigen Latino zu tun, der einen nicht mal mehr mit seinen Freundinnnen allein weggehen lässt, aus Angst Frau, die ja der Inbegriff für Schwäche in jedweder Hinsicht ist, könnte sich irgendwie daneben benehmen. Sowieso sollte Frau möglichst den ersten Freund heiraten, Kinder bekommen und im Haus bleiben.
Wenn man das anders kennt, ist das wirklich sehr schwer vorstellbar, dass solche Vorstellungen, die wir in Deutschland ja zum Glück schon länger überwunden haben, noch das Leben einer Gesellschaft bestimmten, die ansonsten uns gar nicht so unähnlich ist. Nicht, dass ich davor noch nicht davon gehört hatte, aber das dann live von jemandem erzählt zu bekommen und seinen Klagen darüber zuzuhören und dann erzählen zu können, wie anders und einfach das doch alles in Deutschland ist, das ist dann schon noch einmal etwas anderes.
Entwicklungsland übrigens auch daran erkennbar, dass die Busbahnhöfe in Venezuela ein einziges Chaos sind. Nicht vergleichbar mit den modernen, sauberen Terminals in Mexiko. In Venezuela gibt es weder Computer, noch moderne Terminals noch BUSSE!!!
An den Schaltern muss man nach Karten fragen, die dann frühestens 3 Tage später bei Abfahrt kaufbar sind (Vorverkauf gibt es nicht und schon gar über das Internet vorbestellen), wenn denn überhaupt Busse da sind. Ein Verkäufer erzählte uns nämlich tatsächlich, dass er nicht wisse, wann die nächste Fahrt stattfinde, da es im Moment keine Busse gäbe. Nicht nur keine Plätze, sondern ernsthaft keine Busse!!! Also einfach zum Busbahnhof gehen und losfahren ist nicht. Aufgrund dieser Schwierigkeiten und noch anderer Problemchen wurde unser Trip an den Strand dann leider nichts. Aber wir hatten ja auch so genug zu tun in Maracaibo.
Stressig wurde dann auch mein Abflug, da Virginias Freund Alan erst zu spät kam und dann auch noch mit einem Schneckentempo Richtung Flughafen fuhr, dass ich erst eine Stunde vor Abflug meine Koffer aufgeben konnte, auch dank einem mittelmäßigen Chaos am Flughafen und unglaublich vielen Leuten. Und natürlich richtig gestresst war ich dann, sodass die Abschiedsszene mit Virginia recht kurz ausfiel und ich Richtung Gate gesprintet bin. Wenn ich gewusst hätte, dass die Sicherheitskontrollen in Venezuela den Namen nicht verdienen (zumindest wenn es nach USA Maßstäben geht, worauf auch in Miami Flughafen hingewiesen wird) und zudem noch die Nationalgarde beschlossen hatte auszuschlafen, sodass nur die Männer zunächst boarden konnte (eine männliche Nationalgarde war nämlich da). Bis dann auch mal die Frau Nationalgarde eine Stunde nach ursprünglicher Abflugzeit angetanzt kam. Bin aber trotz aller Befürchtungen ohne Verdacht auf Drogenschmuggel rausgekommen… ABER: story will be continued zu meinem Leidwesen!
Nachdem ich es mir mittlerweile in Kanada gemütlich gemacht habe (voll toll, mal wieder Schnee zu sehen), werde ich nun mal noch ein bisschen von den vergangenen 4 Wochen erzählen.
Da nun mittlerweile meine blonde Haarfarbe nach meinem Tönungsausflug ins Braune wieder vollständig hergestellt ist, hab ich natürlich viel Aufmerksamkeit von der ganzen männlichen mexikanischen Bevölkerung bekommen (wobei ich ja zugeben muss, dass ich das im Hinblick auf meine baldige Rückkehr nach Deutschland ja durchaus nochmal genossen habe
). Ob nun 12jährige Jungs beim Schulausflug nach Teotihuacán unbedingt ein Erinnerungsfoto mit ner blonden Europäerin wollten oder ob die Jungs auf nem Radieschenlaster in nem kleinen Dorf vor Begeisterung schier von der Ladefläche gefallen wären oder ob die Soldaten auf dem Militärlaster dann nach mehrmaligem Überholen irgendwie ihre Sonnenbrillen abegezogen und freundlich gegrüßt haben, hab mich immer königlich darüber amüsiert.
Aber es ging auch durchaus besinnlicher zu auf unserer Reise. Ist nämlich in Mexiko Tradition in der Weihnachtszeit überall Krippen ("nacimientos") aufzustellen. Überlebensgroß, klein, kreischend bunt, beleuchtet, ganz natürlich, alles ist vertreten und immer an öffentlichen Plätzen und natürlich vor Kirchen. Richtig begeistert war ich ja von ner Krippenausstellung in Mexico City: lasst euch gesagt sein, es gibt kein Material, aus dem man nicht eine Krippenszene bauen könnte. Beispiele gefällig? Glas, Stroh, Wachs, Stoff, Moos, Spitze, Bananenblätter, Perlen, Holz etc.
Und wo mir dann vor lauter Sehnsucht nach deutscher Weihnacht und Besinnlichkeit, Festlichkeit, Dunkelheit sowie Winter die Tränen in die Augen gestiegen sind, das war als ich in der Kirche in Puebla ein deutsches "Stille Nacht, Heilige Nacht" gehört habe. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie sehr ich mir in diesem Moment gewünscht habe, an Weihnachten zuhause zu sein. Dieser Moment ist jedoch sehr schnell wieder verflogen und kam auch in keiner anderen Kirche wieder, da es die Mexikaner schaffen in den Kirchen mit blinkenden und blitzenden Lichterketten (teilweise sogar in bunt!) jegliche Weihnachtsstimmung zu vertreiben. 
Was mir vor der Reise auch gar nicht so bewusst war, ist, dass Mexiko wirkliche alle Vegetationszonen vorzuweisen hat. Klar, wenn man sich immer nur in Wüsten und Kakteenumgebung bewegt, hat man für Mexiko schon automatisch ein Stereotyp im Kopf eingespeichert. Je weiter man in den Süden kommt, desto feuchter wird es, was man natürlich an der Vegetation ganz deutlich sieht. Statt vertrocknetem gelbem Gras, in dem vereinzelt große Kakteen wachsen oder gar ganze Kakteenwälder, ist es dann um einen herum auf einmal ganz grün. Man sieht Palmen, Kakao- oder Bananenplantagen und überhaupt dann irgendwann einfach undurchdringlichen Dschungel. Spannend war auch der Unterschied zwischen dem durchaus noch spanisch geprägten Hochland, das in etwa die nördliche Hälfte Mexikos einnimmt, und dem Indígenaland in Chiapas und Oaxaca zu sehen. Die Städte sind dort im Süden nicht mehr so prächtig, die Kirchen nicht mehr mit Gold überladen, aber das Leben in den Straßen ist wesentlich bunter und klar, man sieht auch, dass die Bevölkerung wesentlich ärmer ist und die Straßenverkäufer und Bettler nehmen zu. Und man kommt durchaus in Grübeln über die Gerechtigkeit in der Welt, wenn man ein verhätscheltes Kleinkind, das in den beschützenden Armen von Papa durch die Welt getragen wird, direkt neben einem Kleinkind sieht, das von der Mama aus strategischen Gründen zum Betteln mitgenommen wird und den ganzen Tag auf der Straße sitzend verbringt. Oder 6jährige Mädchen, die den ganzen Tag durch die Stadt laufen und versuchen müssen, ihre Ketten oder Armbänder zu verkaufen und von jedem Touristen mehr oder weniger entnervt abgewimmelt werden.
Als wir in San Cristóbal waren, hat sich dort das Massaker vom 22.12.1997 zum 11.Mal gejährt. Mit Reden und Auftritten von lokalen Hiphoppern wurde an die Toten erinnert. Auf dem Kirchplatz kniete dann auch ein maskierter Guerrillakämpfer der EZLN (Ejército Zapatista de Liberación Nacional) mit einem Maschinengewehr in der Hand. Leicht unheimlich! Die EZLN ist eine indigene Guerillaorganisation in Chiapas, einem der ärmsten Bundesstaaten Mexikos, die am 1. Januar 1994 mit einem bewaffneten Aufstand erstmals öffentlich in Erscheinung trat und sich seitdem mit politischen Mitteln für die Rechte der indigenen Bevölkerung Mexikos, aber auch generell gegen neoliberale Politik und für autonome Selbstverwaltung einsetzt.
Damals besetzten maskierte Kämpfer gleichzeitig fünf Bezirkshauptstädte, erklärten der mexikanischen Regierung den Krieg und ihren Willen, bis nach Mexiko-Stadt zu marschieren um dort die Regierung zu stürzen. Allerdings verfehlten sie das Ziel, eine landesweite Revolution loszutreten. Nach einigen Tagen des Kampfes zogen sich die Zapatisten aus den Städten in den Urwald zurück. Die im Rahmen von staatlicher Aufstandsbekämpfung ins Leben gerufenen paramilitärischen Gruppen haben seitdem immer wieder blutige Überfälle auf Zapatistische und sympathisierende Gemeinden durchgeführt. Diese gipfelten im Überfall rechtsgerichteter Paramilitärs in Acteal am 22. Dezember 1997 auf eine zum Gottesdienst versammelte Gemeinde nicht-zapatistischer "Abejas". Bei dem als "Massaker von Acteal" bekannten Überfall töteten die Angreifer 45 Menschen, darunter Kinder und schwangere Frauen.
Diese Gruppierung um Subcomandante Marcos herum ist in Mexiko jedem ein Begriff, da die Regierung es bis heute nicht geschafft hat eben diesen Subcomandante zu fassen zu kriegen.
Aufgrund der Unruhe, die wegen des Jahrestages in der eh schon in unsicheren und instabilen Situation in Chiapas entstand, wurde uns dann auch von unserem Autovermieter nahegelegt, möglichst nicht die ursprünglich geplante Route durch Indianergebiet zu fahren, da etwaige Übergriffe nicht nicht unwahrscheinlich wären. Die großen Tourbusse sind in der Zeit auch wirklich nur mit Polizeischutz auf dieser Strecke unterwegs gewesen. Und wir haben uns dann dazu entschlossen einen Riesenumweg zu fahren, was uns einen kompletten Tag im Auto ohne irgendwelche Besichtigungen mit 8 h Fahrt eingebracht hat. Naja, immerhin haben wir auf der Fahrt dann die lustigen Leute vom Militär getroffen.
Ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde, war ein Ausflug in die Indianerdörfer bei San Cristóbal. Dort findet man wirklich noch eine ganz andere Welt vor, die mit Mexiko nicht soviel zu tun hat. Jedes Dorf hat dort seine eigenen Regeln, ob es nun um Polygamie oder Monogamie geht, seine eigenen Trachten, einen eigenen Dialekt, obwohl alle Dörfer vom Stamm der Tseltales sind.
So herrscht dort auch eine eigenen Religion vor, eine Art Synkretismus zwischen Christentum und indigenen Bräuchen. Und die katholischen Priester, die dorthin geschickt werden, die können einem ein bisschen leid tun. Der letzte hat es wohl mit dem Katholizismus etwas übertrieben und tatsächlich eine Hochzeit in der Kirche zelebriert, nach katholischem Ritus. Das verträgt sich mit Polygamie natürlich nicht so gut und deswegen haben die Dorfbewohner ihm ein Ohr (oder waren es sogar beide?) abgeschnitten und aus dem Dorf gejagt. Seitdem gibt es keine Priester mehr dort, sondern nur noch die mayordomos. Diese sind für ein Jahr für sämtliche religiöse Feiern zuständig und genießen natürlich ein hohes Ansehen. Aber eigentlich wollte ich von der Kirche berichten. Der Kirchenboden ist von Piniennadeln bedeckt, die Bänke sind alle ausgeräumt, die Heiligenbilder, die eigentlich ja hinter dem Altar in einer Art Regal eingeordnet sind, stehen aufgereiht an den Seiten des Kirchenschiffs nebeneinander. Zwischen den Piniennadeln am Boden stehen überall Kerzen und in kleinen Gruppen sitzen die Indígenas um die Kerzen herum, manche begleitet von einer Heilerin, die mit einem in der Kirche getöteten Huhn und Eiern versucht, Krankheiten zu vertreiben. Ein gespenstisches Spektakel!!! Und obwohl ich ja nicht sonderlich gläubig bin, hat mich diese andere Art von Kirchennutzung schon etwas irritiert und mir kam das ganze so vor wie eine Entweihung der Kirche. Ich glaube, dass keine diesen Besuch unberührt gelassen hat.
Erfreulicheres gabs dann in Yucatan zu sehen. Dort sind die Pelikane an der Nordküste in Massen beim Fischen am Strand zu beobachten, wie sie sich dann auf einmal ohne zu Zögern kopfüber ins Wasser stürzen, um dann vielleicht mit einem Fisch im SChnabel wieder aufzutauchen. Da hätte ich Stunden zuschauen können. Ansonsten gibts in Mexiko sehr viel "Plüsch-Schwanz-Maus-groß" nach einer Definition meiner Mutter.
Mit anderen Worten gibts da viele Nagetierarten, die einem in Europa völlig unbekannt sind. Wer kann sich denn schon was unter einem Aguti vorstellen?
Leider muss ich sagen, dass es mir in Yucatan dann überhaupt nicht mehr gefallen hat. Die Mayaruinen sind ja ganz nett dort, aber auch nur die, die noch nicht vom Tourismus überlaufen sind und deswegen nicht mehr beggehbar sind. Das weltbekannte Chichén Itzá fand ich ja nur noch grässlich. Und Cancún und Playa del Carmen, nun ja, für 3 Tage Strand wars wohl okay... Aber allein von der Landschaft her ist es wirklich enttäuschend. Alles ist platt und man sieht links und rechts der Straße nur 3m hohe Sträucher oder Büsche, die den Anfang von undurchdringlichem Dschungelgeflecht bieten, das von schnurgeraden Straßen durchzogen wird. Da hat mir das bergige Hochland viel besser gefallen!!! Auch die Städte wie Mérida oder Campeche (gut, in Campeche war am 25.12., DEM Weihnachtsfeiertag, natürlich auch nichts los und nichts hatte offen. Nicht mal die sonst allgegenwärtigen Straßenhunde haben sich blicken lassen) sind meiner Meinung nach einen Besuch wert. Und Mexiko ist Yucatán für mich sowieso nicht.
Aber insgesamt habe ich wohl viele Facetten Mexikos kennengelernt, schöne wie hässliche, die mein Bild vom Land sicherlich nochmal verändert haben.
Auch mein Aufenthalt in Venezuela hat meine Sichtweise von Mexiko nochmal zurechtgerückt. Doch dazu in einem weiteren Eintrag mehr.
Tja, nun ist schon wieder eine Woche von der Reise mit meinen Eltern durch Mexiko rum. Und gesehen haben wir schon unglaublich viel, obwohl wir heute erst unseren Mietwagen bekommen haben und nach Puebla gefahren sind.
Ein Highlight war sicherlich Freitag, der 12.12., an dem in Mexiko das Fest der Virgen de Guadalupe stattfindet, der höchste religiöse Feiertag hier.
Die Legende besagt folgendes:
Im Jahr 1531 soll dem getauften Azteken Juan Diego bei der heutigen „Basilica de la Virgen de Guadalupe“ auf dem Berg Tepeyac im Norden des heutigen Mexiko-Stadt die Jungfrau Maria erschienen sein (Aparición). Sie bat in dieser und den nachfolgenden Erscheinungen in der Nahua-Sprache um Errichtung eines Tempels. Als dies zweimal hintereinander passiert war, erzählte Diego dies dem Bischof von Mexiko-Stadt, Juan de Zumárraga, der dies zunächst nicht glauben wollte. Erst als die Jungfrau Diego zum dritten Mal erschien, wurde die Erscheinung, so die Legende, auch tatsächlich anerkannt: Die Jungfrau hatte an einem bestimmten Punkt Rosen (an einem 12. Dezember) wachsen lassen. Diego sammelte auf Wunsch der Erscheinung diese Blumen auf und legte sie dem Bischof als Beweis vor. Als er den Mantel ausbreitete, war das Antlitz der Jungfrau auf dem Tuch imprägniert - der endgültige Beweis.
Jedes Jahr strömen am 12.Dezember bis zu 8 Millionen Menschen aus allen Teilen Mexikos zur neuen Basilika der Virgen de Guadalupe, wo das wundertätige Bild der Jungfrau aufbewahrt wird. Viele fromme Pilger legen dabei die letzten hundert Meter auf den Knien rutschend zurück. Zu Ehren der Jungfrau wird an diesem Tag ab den frühen Morgenstunden eine Messe nach der anderen abgehalten. Vor der Basilika wechseln sich ununterbrochen mit aztekischen Kostümen gekleidete Tänzer mit ihren traditionellen Tänzen ab. Auf dem gesamten Vorplatz der Basilika befinden sich steinerne Gefäße, in denen Copal ("der heilige Weihrauch") entzündet wird.
Ist schon irre, was sich da abspielt. Die Metrostation direkt bei der Kirche wird gar nicht mehr angefahren und so muss man bis zur Endstation fahren, um dort mit allen Pigern, die ihre Heiligenbilder von der Jungfrau von Guadalupe auf dem Rücken tragen, auf die Straße ausgespuckt zu werden, wo noch mehr Leute auf die Basilika zuströmen. Die ganzen Straßen sind gesäumt von Ständen, an denen alle mögliche Bildchen, Ikonen, Statuen, Rosenkränze und sonstige religiöse Gegenstände angeboten werden, nebst Essen natürlich. Hat man sich dann mal zum Kirchplatz durchgeschlagen, wird man von dem bunten Gewimmel schier überwältigt. An jeder Ecke tanzt eine andere Indianergruppe mit den buntesten Trachten und Federschmuck. Man wird nahzu benebelt vom Weihrauchgeruch und eingelullt von den rhythmischen Trommelschlägen der Indianergruppen. Echt ein Erlebnis!
Am Wochenende haben wir dann die Chance genutzt dem Getümmel und Gewimmel Mexiko Citys zu entfliehen und sind nach Querétaro geflüchtet, eine Kolonialstadt, die im Norden Mexikos Citys liegt. Dort gab es natürlich erst mal wieder ein bisschen Ärger, da die per Internet vorreservierten Bustickets nicht verfügbar waren, da ein Fehler im System die REservierung nur teilweise durchgeführt hatte. Alles in allem bedeutete dies an jenem Tag über 2 Stunden warten am Busbahnhof, sowohl bei der Hin- als auch bei der Rückfahrt, Drohungen, Einschmeicheln, Betteln etc. um die zuständigen Mitarbeiter zu einer unbürokratischen Lösung zu bewegen uns ohne die nicht-ausdruckbaren Tickets in den Bus zu lassen. MEXIKO, sag ich dazu nur!![]()
Der Sonntag ging dann problemloser vonstatten und wir kamen in die, wie ich bisher finde, schönste Stadt Mexikos: Taxco. Die Besonderheit Taxcos ist, dass dort Silber in rauen Mengen angeboten wird, in jeder Form, zu jedem Gegenstand verarbeitet. Unglaublich welches Vermögen da insgesamt in der STadt rumliegen muss. Natürlich wurde dort fleißig eingekauft. Die Stadt selber liegt an einem Berghang und zeichnet sich durch ein anarchisches Gassengewimmel aus. Unmöglich sich dort auf Anhieb zurechtzufinden.
Im D.F. durfte natürlich der Besuch im Museo de Antropología nicht fehlen, in dem Fundstücke der verschiedensten prähispanischen Kulturen ausgestellt sind. Um allein diesen Teil vollständig zu sehen, braucht man mindestens 5 Stunden. Fragt sich nur, ob man solange auch aufnahmefähig bleiben kann. Irgendwann sieht dann jeder bearbeitete Stein, jede Statue, jedes Wandbild gleich aus.
Aber ich kann meinem Reiseführer da nur zustimmen: Wer in Mexiko City ist, muss dieses Museum gesehen haben!
Weitere must-dos: mexikanischen Tequila trinken (viel milder als bei uns und somit auch pur sehr gut trinkbar) sowie Pulque probieren. Pulque ist ein Most, der aus einer bestimmten Agavanart gewonnen wird und den die Azteken in ihren Ritualen verwendet haben, um Rauschzustände hervorzurufen und so mit ihren Göttern kommunizieren zu können. Desweiteren werden ihm aphrodisierende Wirkungen nachgesagt. Doch keine Sorge, er hat nur 4%igen Alkoholgehalt. Also müsste man ihn schon in rauen Mengen konsumieren, um die Rauschzustände selber zu erleben...
Und was ich bisher nur aus dem Geographieunterricht kannte: die Ansicht des Popocatépetl. Beeindruckend. Direkt nebendran der nächste Vulkan: der Iztaccihuatl. Zungenbrecher, ich weiß.
Weiteres Novum: habe einen echt aztekischen Nackthund gesehen. Faszinierend, der ist trotz Haarlosigkeit nicht mal hässlich.
Fotos werden noch nachgeliefert. Die sind momentan noch zu groß.
Soviel von mir, als kleines Lebenszeichen.
bisheriges Fazit: ich bin immer noch fasziniert davon, dass jede STadt in Mexiko einen ganz eigenen Charakter hat und einzigartig ist.
So jetzt ist es soweit und ich verbringe meine letzten Stunden in Monterrey. In genau 5 Stunden besteige ich das Flugzeug und werde dann nach dem Start einen letzten Blick auf den Ort werden können, an dem ich die letzten viereinhalb Monate verbracht habe. Und ich hätte es ja nicht gedacht, aber ich werde mit Wehmut von hier weggehen. Monterrey macht es mir trotz allen Schwierigkeiten nicht leicht es zu verlassen. Hat sich gestern noch mal von seiner Schokoladenseite gezeigt, sodass ich einen 9. Dezember mit strahlendblauem Himmel und 35°C (!) erleben durfte. Scheint so, als ob ich in der letzten Woche mein schon seit längerer Zeit verloren gegangen Gleichgewicht wiedergefunden hätte. Finde es immer noch sehr irreal, dass meine Zeit hier jetzt vorbei sein soll. Und vor allem, dass ich jetzt meine Eltern sehen soll. Sehr schwer vorstellbar.
Habe gestern abend in der berüchtigten Casa azul noch mal den letzten Rest der internationals gesehen und mit ihnen zu Abend gegessen. Abschiede sind echt nichts für mich. Wenn die Leute, denen du gegenüberstehst, dich einfach nicht mehr loslassen wollen, dann merkt man doch, dass dies ein Stück weit dein Zuhause geworden ist.
Aber der schwerste Abschied war ja der von Verena – und das obwohl wir uns nächste Woche in Puebla schon wiedersehen. Solange wir noch zusammen waren, war unsere Zeit in Monterrey noch nicht vorbei. Sind immerhin viereinhalb Monate durch alle Höhen und Tiefen zusammen gegangen und haben, obwohl wir das beide wohl nicht erwartet hätten, in dem anderen einen richtig guten Freund gefunden. Ein Glück, dass wir uns schon nächste Woche wieder sehen. Sonst wäre es gestern morgen bei den Tränen in den Augen wohl nicht geblieben. Danke für alles roomie!!!! Tuvimos un tiempo bien chido, no!?
Ja, Uni ist nun endgültig vorbei und die letzten Prüfungen sind geschrieben.Ich wünschte mir, der Prüfungsstress wäre der einzige Stress im Dezember gewesen. Doch leider mussten Verena und ich letzten Freitag schon klammheimlich aus unserem Haus ausziehen und im Zimmer eines Freundes für die letzten Tage unterkommen. Wenn man so will, dann war mein Abschied aus Monterrey gefühlsmäßig schon an jenem Freitag, als wir das letzte Mal die Tür von „unserem“ Haus abgeschlossen haben. Ein uneinsichtiger Vermieter mit Geldnöten und Schulden, der die Kaution behalten wollte und noch eine Monatsmiete kassieren wollte und uns teilweise sogar versucht hat zu erpressen, hat uns zu diesem Schritt gezwungen. Unschönes Ende, aber irgendwie hat sich so der Kreis geschlossen. Am Anfang Probleme mit dem Vermieter, wie auch am Ende. Am Anfang in einem Zimmer mit Verena gewohnt, so auch am Ende. Anfang Dezember ist einfach zuviel kriminelle Energie in der Calle Luis García vorhanden gewesen.
Bei unseren Nachbarmädels ist versucht worden einzubrechen, richtig schön klassisch mit Gitter wegbiegen und Dichtungsmasse von den Fenstern kratzen, aber bei ihnen ist es glücklicherweise beim Versuch geblieben. Die Einbrecher sind dann nämlich ein Haus weiter zu Nestor gewandert, und haben trotz schlafender Anwesenheit seinen neu in Mc Allen gekauften Laptop mitgehen lassen. Brr, Verena und ich hatten daraufhin kurzzeitig richtig Angst.
Doch trotz solchen Erlebnissen wird mir Mexiko fehlen. Nicht mehr mit den anderen internationals über die fresas lästern können und lauthals in Lachen ausbrechen, wenn sie mal wieder wegen ihrer übertriebenen Stöckelschuhe die Treppe runterfallen (ich weiß, wir sind schadenfroh
). Nicht mehr von den Wachmännern jeden Morgen einen schönen Tag gewünscht bekommen. Keine typische Gesten mehr, wie Küsschen zur Begrüßung begleitet von einem „qué onda guay?“ oder dem sich krümmenden Zeigefinger beim „ja“ sagen (hat regelmäßig zur Belustigung der internationals geführt). Kein Anblick mehr von Halskrausen, die die Ärzte hier verschreiben, wenn ihnen nichts besseres einfällt, sei es für Kopfweh, gebrochene Beine etc. Naja, für fast alles.
Nicht mehr an der Supermarktkasse stehen können und darauf warten können, dass einem alles eingepackt wird – und drüber schmunzeln müssen, wenn einem ein kleiner Knirps anbietet, dein Einkaufswagen auszuräumen, obwohl er nicht mal über den Einkaufswagen drüber gucken kann. Der obligatorische Nachmittagskaffee beim auf der Wiese aufm Campus chillen, wahlweise Café latte ausm Nescafe Automaten oder einen Frapuccino Java Chip alto von Starbucks. Tortillas, Totopos mit Salsas in jedem Restaurant. Nicht mehr drüber diskutieren können, wie man wohl zu siebt am besten in ein kleines Taxi passt. Kein Freiheitsgefühl mehr verspüren können, wenn man in ebenjenem Taxi mit 100km/h durch die Stadt brettert, mit lauter Musik und offenen Fenstern und sich die warme Nachtluft um die Nase wehen zu lassen. „Unseren“ seven eleven. Beim Aussteigen aus dem Bus sich beim Busfahrer für die Fahrt zu bedanken. sich über das angeblich nie vorhandene Wechselgeld der Taxifahrer zu ärgern. Nicht mehr im Restaurant darauf zu warten, dass einem der Kellner einen Taschenhalter bringt. Angeblich bringt es in Mexiko Unglück seine Handtasche auf den Boden zu legen. ich vermute ja eher, dass das eine Ausrede dafür ist, seine Handtasche aufgrund etwaiger Diebstähle besser im Auge behalten zu können. Und was mir wirklich fehlen wird, ist die Freundlichkeit und das grundsätzliche Vertrauen in Menschen der Leute. Kleines Beispiel: Im Copy Shop sollte ich 12 Pesos zahlen, hatte aber nur einen 20 Pesoschein. Der Besitzer hatte nur 10 Pesos an Rausgeld. Was macht er? gibt mir die 10 Pesos und entschuldigt sich noch dafür, dass er nicht mehr Kleingeld hat. Schenkt mir also 2 Peso. Das möchte ich mal in Deutschland erleben.
Jaa, diese Entspanntheit und Spontaneität der Leute hat es mir echt angetan. Die Mexikaner können sich einfach noch an den kleinen Dingen des Lebens erfreuen und ihre Arbeit ist nur ein Teil ihres Lebens und macht nicht ihr Leben aus. Was jetzt nicht heißen soll, dass auch so eine Einstellung durchaus ihre Nachteile hat. Mangelnde Zuverlässigkeit zum Beispiel.
Tja, als Schlusswort bleibt mir eigentlich nur zu sagen: bin wieder einmal um viele neue Erfahrungen, Erkenntnisse und Erlebnisse bereichert worden, positive wie negative. Wenn ich später einmal zurückblicke, werde ich auch sicher sagen können, dass mein Aufenthalt in Mexiko dazu beigetragen hat, dass ich bin wie ich bin. An dieser Stelle ist denke ich auch noch ein riesengroßes Dankeschön an alle Leute angebracht, die in dieser Zeit für mich da waren. Allen voran natürlich Manu, dem ich es sicherlich nicht immer leicht gemacht habe und der mich dennoch unermüdlich die ganze Zeit ermutigt und aufgebaut hat. DANKE!!!!!
Als letztes habe ich für euch noch ein zwei Abschnitte, die ich eigentlich an Sylta in einer email geschrieben hatte, aber von denen ich denke, dass sie für euch alle interessant sind.
Zunächst einmal über das Verhältnis Mexiko-USA und dann noch mal zum Abschluss das Thema Weihnachten in Mexiko.
Hmm, jetzt muss ich echt mal überlegen, wie ich dir erkläre, warum die Mexikaner ein so angespanntes Verhältnis mit den gringos haben. Zunächst mal verdanken sie den Amis, dass sie 1846 einen Großteil ihres ehemaligen Territoriums verloren haben. Die ganzen Bundesstaaten Kalifornien, Nevada, Texas, Utah, Colorado, Arizona und New Mexico sowie ein Teil von Oklahoma haben mal zu Mexiko gehört. Später haben die Amis den Mexikanern dann noch Teile der mexikanischen Bundesstaaten Sonora und Chihuahua geklaut, nämlich 1853. Und dann ist es so, dass die Mexikaner die Amerikaner immer für ihr funktionierendes Land bewundert haben, mit der riesengroßen Wirtschaftskraft, dem Einfluss, der Macht etc. Deswegen haben sie auch das Bundesstaatenmodell und die Verfassung der Amis kopiert und zwar 1862 oder so, als die Liberalen in Mexiko den Krieg gegen die Allianz Frankreich-Österreich-Belgien gewonnen haben. Leider ist es so, dass die ganze Geschichte Mexikos gegen so ein Modell sprach, sodass es beim Kopieren blieb, ohne dass das Modell verinnerlicht wurde. Kurz und gut, das politische Chaos Mexikos lässt sich ganz gut in Zahlen ausdrücken: 12 Verfassungen in 55 Jahren. Und sie scheinen immer noch nicht das Modell gefunden zu haben, das ihnen zusagt. Die Hassliebe wird nun dadurch verstärkt, dass die Amerikaner die Mexikaner wie Menschen 2.Klasse behandeln. Die Geschichte mit dem Grenzzaun zwischen Mexiko und USA hast du ja bestimmt schon mitbekommen. Die Mexikaner sind gerade gut genug, als billige Arbeitskräfte in den ganzen Grenzstädten zu den USA billige Industriegüter herzustellen, aber wehe ihnen, wenn sie es wagen sollten, ihr Glück in den USA selber zu probieren. Dazu kommt noch, dass die USA in fast ganz Lateinamerika mit den Ländern gemacht hat ,was sie wollte. Passte ihnen eine Regierung nicht, da zu linkslastig – kein Problem, lässt man das CIA halt kurz mal nen Präsidenten umbringen. Die USA haben hier immer nur nach ihrem Interesse gehandelt und waren auch nie sehr konstant mit ihrer Unterstützung eines bestimmten Landes. Heute Freund, morgen Feind, übermorgen wieder Freund, etc. Die meisten Amerikaner sehen in Mexiko nur ein billiges Urlaubsland bzw. Einkaufsland (ich sage nur: Tijuana, wo sämtliche Amis sich mit billigen Arzneimitteln und sonstigen in den USA nicht erhältlichen Gütern versorgen), halten es aber nicht für nötig sich weiter mit den Sitten und Gebräuchen Mexikos auseinanderzusetzen, geschweige denn Spanisch zu sprechen.
Im Groben und Ganzen ist es eine Mischung aus diesen Tatsachen, die für die Hassliebe der Mexikaner mit den Amerikanern verantwortlich ist.
Weihnachten hier ist echt mehr als gewöhnungsbedürftig. Der Weihnachtsbaum wird hier wie alles andere zum Statussymbol hochstylisiert. Je weniger Baum man sieht, umso besser. Hauptsache er ist bunt, die Kugeln, die dran hängen, möglichst groß, genauso wie die schleifen. Und damit ihn auch jeder sehen kann, behängt man ihn mit grässlich bunt blinkenden Lichterketten und stellt ihn möglichst an ne Stelle, die von außen einsichtig ist. Tsss, und der Rest vom Haus wird mit weiteren Lichterketten, je mehr, desto besser, behängt und vor der Eingangstür stehen grässlich kitschige, von innen angeleuchtete Maria, Jesus und Josefsfiguren. Nix mit Besinnung!!! Was ich allerdings ganz witzig finde, ist die Idee, Autos als Rentier zu verkleiden, schön mit Geweih an den Rückfenstern und ner roten Knubbelnase an der Kühlerhaube. Rudolph lässt grüßen.
Dann wünsche ich euch allen schon mal Schöne Weihnachten und ein gutes neues Jahr. Werde versuchen auch weiterhin ein bisschen von meiner Reise zu berichten.
Bis dahin: Qué se vayan bien!!!
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