Tour à Bordeaux
Nach meiner letzten Klausur am Mittwoch hatte ich die rosige Aussicht auf eineinhalb Wochen Ferien, bevor am 9. Feburar das Sommersemester beginnt. Deshalb fuhr ich vorletzen Freitag mit dem TGV nach Bordeaux, um dort eine Freundin zu besuchen und mal eine andere französische Stadt kennenzulernen. Wie ihr viellleicht wisst gibt es in Paris 5 Bahnhöfe (falls ich jetzt keinen vergessen habe), einen für jede Himmelsrichtung, in die man die Stadt verlassen kann. Ich musste zum Gare Montparnasse, da ich Richtung Südwesten fuhr. Mein Zug ging um 10:10 Uhr und ich war rechtzeitig gegen zehn an den Gleisen. Aber leider sagte mir die Anzeigentafel noch nicht, an welchem Gleis mein TGV abfahren würde. Deshalb standen da also so viele Leute und starrten nach oben! Dazwischen, wie an allen Banhöfen, mit Maschinengewehren bewaffnete Soldaten. Na gut, dann gehe ich mir noch schnell "Le Monde" kaufen, damit ich eine Lektüre für die drei Stunden Fahrt habe. Aber das hatte ich meine Rechung ohne den Generalstreik am Vortag gemacht. Natürlich gab es heute keine aktuellen Tageszeitungen. Aber wenigsten "Le Canard enchaîné", ein Satireblatt. Auch gut. Zurück bei der Anzeigetafel stand noch immer nichts. Dabei wars schon 8 nach. Und eigentlich soll man 2 Minuten vor Zugabfahrt im Zug sein. Danach müssen einen die SNCF-Beamten nicht mehr reinlassen. Aber wenn man noch nicht einmal weiß, wohin. Plötzlich drehten sich die Ziffern und das Gleis stand fest. Und natürlich strömten alle sofort los. Ich grinste nur und dachte mal wieder: "Französische Organisation".
Wenn man daran denkt, dass man in Deutschland das Abfahrtsgleis oft schon im Internet nachschauen kann...Das zeigte mal wieder deutlich den Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland: Spontanität und Improvisation hier - Genauigkeit und Planung dort. Also doch kein Stereotyp, sondern Realität! Was besser ist hängt wohl von der Situation ab.
In meinem Fall wohl letzteres. So fuhren wir halt mit 10 Minuten Verspätung in Paris ab.
Aber egal, ich hatte ja Ferien und Zeit!
Gute drei Stunden später kam ich in Bordeaux an. Und bekam fast einen Hitzeschlag! In Paris war ich noch dick in Wintermantel, Mütze, Schale und Handschuhe eingepackt. Und hier schien die Sonne und es war ziemlich warm: Tatsächlich die 15 Grad die ich im Internet gelesen hatte. Da kam richtig Frühlingsstimmung auf: Nach einer kurzen Fahrt mit der Tram und einem Spaziergang durch die kleinen Gassen, setze ich mich auf die Terasse eines Cafés und genoss ein leckeres Millefeuille des légumes, einen Cappuccino und die Sonne. Ich saß nur mit T-Shirt und Strickjacke da. Es war echt fast schon wie im Sommer: Traumhaft!
Und auch die Stadt hatte es mir sofort angetan: Die schönen alten Häuser, kleinen Gassen, die in ebenso kleine Plätze münden, das Garonneufer, an dem man kilometerlang entlanglaufen kann und auch die Freundlichkeit der Menschen, die wesentlich weniger gestresst schienen als in Paris. Kein Wunder, denn die ganze Stadt war winiger stressig. Es gab ja schonmal keine Métro und RER, sondern nur das gut ausgebaute Tram-System und Busse. Ideal um nach 3 Wochen Lernstress mal so richtig zu entspannen.
Das Relax-Prgramm wollten wir am nächsten Tag mit einer Fahrt nach Arcachon, also an die Atlantikküste fortsetzen. Dummerweise erwischten wir den falschen Zug. Dies merkten wir aber erst, als die Schaffnerin unsere Tickets kontrollierte und uns fragte, wohin wir denn wollten. Voller Überzeugung antworteten wir: "Nach Arcachon". "Nein, dieser Zug fährt nicht nach Arcachon, sondern nach Morcenx." Was wir mit einem Blick auf die Anzeigetafel auch selbst hätten feststellen können. Und leider lag dieses Morcenx auch nicht am Meer, sondern mitten in der Region "Landes", die in der Vorwoche genauso wie die Region Gironne, zu der auch Bordeaux gehört, vom Sturm heimgesucht worden war. Uns blieb also nichts anderes übrig, als bis nach Morcenx zu fahren, dort eine Stunde zu verbirngen um dann wieder mit dem gleichen Zug zurückzufahren. Immerhin war die Schaffnerin freundlich: Wir mussten kein Ticket für die Rückfahrt lösen. So mussten wir nur irgendwie eine Stunde in Morcenx totschlagen. Denn das war wirklich ein Kaff. Schon auf der Fahrt dorthin gab es außer ein paar winzigen Dörfern nichts, wie dieses Foto zeigt:
Wir wollten einen Kaffee trinken und ein Pain au Chocolat, das hier Chocolatine heißt, essen. Aber die einzige Bäckerei hatte zu. Es gab nur eine Bar, die einen etwas seltsamen Eindruck machte sowie eienen Laden, der irgendwie alles in einem war: Tabac, das sind die berühmten französischen Eckläden, in denen man nicht nur Zigaretten, sondern auch Zeitungen, Zeitschriften, Briefmarken, Süßigkeiten und allerlei anderen Kram kaufen oder Lotto, Sportwetten usw. spielen kann. Außerdem gab es ein Café bzw. eine Bar mit Fernseher, Radio und Billiardtisch. Samstag Vormittags schien sich hier der Großteil der männlichen Dorfbevölkerung zu versammeln, um einen Café bzw. ein Bier zu trinken, Billiard zu spielen und Neuigkeiten auszutauschen: Auch ein Opa mit seinem Enkel war da. Frauen traf man nicht an. Die waren wohl alle zu Hause und putzten das Haus... Nur vor dem Geschäft saßen drei etwas auffällige Gestalten, vielleicht sogar in unserem Alter, zwei männliche und eine weibliche, in Joggingklamotten, mit vielen Piercings und einem kleinen Kampfhund, die ziemlich finster drein blickten. Ich beurteile Leute ja nicht nach ihrem Aussehen, aber die würde ich lieber nicht ansprechen.
Die Leute haben sich bestimmt gefragt, was uns hieher verschlagen hatte. Naja, wir tranken unseren Kaffee, machten noch ein paar lustige Bilder unter der Baumallee in der Mitte des Dorfes und waren dann heilfroh, als wir wieder im Zug zurück nach Bordeaux saßen.
Dort haben wir dann noch einen schönen Abend an den neu angelegten Quais verbracht. Obwohl es noch recht kalt war, waren so viele Leute unterwegs, dass man meinen konnte, es sei ein warmer Sommerabend.
Am Sonntag haben wir es dann auch endlich nach Arcachon geschafft. Auf der Fahrt sahen wir noch einige vom Sturm der Vorwoche entwurzelte Bäume. Und auch in Arcachon waren einige windschief:
Das Städtchen ist um diese Zeit ziemlich ausgestorben, aber am Meer wars wunderschön.
Nach einem etwas grau-verrgeneten Montag, den ich vor allem mit Einkaufen, Kaffee Trinken und Postkarten schreiben verbracht habe, gings dann am Dienstag wieder zurück nach Paris. Ich hatte schon begonnen, es zu vermissen. Leider standen der Wiedersehensfreude noch einige Verspätungen im Weg: Mein Zug hätte eigentlich um kurz vor 1 fahren sollen. Kurz vor der geplanten Abfahrtszeit hieß es dann erst 10, dann 20, dann 30 min Verspätung. Ich war sowieso schon zu früh am Banhof gewesen und nach ca. 1 h Warten ziemlich durchgefroren. Schließlich wurde der Zug ganz gecancelt. Irgenwie muss er auf der Strecke nach Bordeaux eine Panne gehabt haben. Also strömten alle zu den Schaltern bekamen Fahrkarten für den nächsten TGV nach Paris, eine Stunde später. Doch dummerweise kam der aus der leichen Stadt wie der erste Zug und kam deshalb nicht durch, weil die Strecke ja noch vn ersterem blockiert wurde. Resultat: eine Stunde Verspätung. Also zurück zum Schalter und ein drittes Ticket für den dritten Versuch. Dieser TGV startete zum Glück erst in Bordeaux. So verließ ich diese schöne Stadt dann mit über zwei Stunden Verspätung. Habe ein Beschwerdeformular ausgefüllt und an die SNCF geschickt. Aber bis jetzt, nach über einem Monat, noch keien Antwort bekommen...
In Paris bekam ich erstmal eine Kältschock. Denn während ich in Bordeaux freitags bei 15 Gard auf der Terasse saß, hatte es hier am Wochenende gschneit! Ja, ich weiß, dass es in Deutschland noch immer tiefster Winter ist ![]()
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09.02.09 00:11:29, 
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